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02 — GEIST

Praktische Übungen

Kleine Routinen für Kopf und Nervensystem.

Meditation

  • Still sitzen und beobachten, was von selbst geschieht — nichts erreichen wollen.

    • Bequem sitzen, Augen zu
    • Atem beobachten, nicht steuern
    • Abschweifen bemerken, sanft zurück
    • 5–10 Minuten

    Quellen: Buddhistische Wurzeln: Ānāpānasati — Achtsamkeit auf den Atem (Satipaṭṭhāna-Sutta) · modern: MBSR nach Jon Kabat-Zinn

  • Den Blick auf das richten, was da ist — nicht auf das, was fehlt.

    • Morgens oder abends 2–3 Minuten
    • Drei konkrete Dinge von heute — je eine Person, eine Sache, eine Fähigkeit
    • Kurz nachspüren, nicht nur aufzählen

    Quellen: Vorbild: Marc Aurel, Selbstbetrachtungen I — ein ganzes Buch Dank, von den Lehrern bis zur Familie

  • Die eigene Endlichkeit vor Augen — als Maßstab dafür, was heute wirklich zählt.

    • Still werden, 1–2 Minuten
    • Bedenken: Dieser Tag ist nicht garantiert
    • Fragen: Zählt das, was ich heute vorhabe, wenn es der letzte wäre?
    • Kurz halten — dann handeln, nicht grübeln

    Quellen: meletē thanatou („Einübung des Sterbens“): Platon, Phaidon 64a · 67e · 80d–81a · memento mori: Marc Aurel, Selbstbetrachtungen II,11 · Seneca, Briefe an Lucilius 26,10 („meditare mortem“) · römische Triumph-Tradition (Tertullian, Apologeticum 33) · Samurai: Hagakure, 1. Buch („Der Weg des Samurai ist der Tod“)

Stoische Praxis

  • Die Aufmerksamkeit liegt auf dem eigenen Urteil im Moment, nicht auf dem Reiz.

    • Im Alltag immer wieder fragen: Was urteile ich gerade?
    • Zwischen Eindruck und Reaktion eine Lücke lassen
    • Beim Abschweifen zurück zur Aufgabe des Augenblicks

    Quellen: prosochē (Aufmerksamkeit/Wachsamkeit): Epiktet, Gespräche IV,12 („Über die Aufmerksamkeit“) · Pierre Hadot, Philosophie als Lebensform

  • Das Schwierige vorwegnehmen, damit es dich nicht unvorbereitet trifft.

    • Morgens 2–3 Minuten, bevor der Tag losgeht
    • Durchspielen, was heute schiefgehen kann — Menschen, Pannen, Widerstände
    • Vorstellen, wie du ruhig und nach deinen Grundsätzen antwortest
    • Trennen: Was liegt in meiner Macht, was nicht?

    Quellen: praemeditatio malorum: Marc Aurel, Selbstbetrachtungen II,1 („Frühmorgens sage dir vorweg …“) · Seneca, Briefe an Lucilius 91 · Begriff: Cicero, Tusculanae Disputationes III,29

  • Den Tag vor dir selbst in Rechnung stellen — prüfen statt grübeln.

    • Abends zur Ruhe kommen, den Tag durchgehen
    • Was habe ich gut gemacht?
    • Wo habe ich gegen meine Grundsätze gehandelt?
    • Ohne Selbstzerfleischung abschließen — morgen besser

    Quellen: Seneca, De Ira III,36 (die tägliche Selbstprüfung nach Sextius) · Vorläufer: Goldene Verse der Pythagoreer 40–44

  • Sich selbst und die Sorgen des Tages von weit oben sehen — bis sie ihre wahre Größe haben.

    • Augen zu, gedanklich aufsteigen: Zimmer, Stadt, Kontinent, Erde
    • Das eigene Problem in dieser Weite verorten
    • Zurückkommen — mit Maßstab

    Quellen: Marc Aurel, Selbstbetrachtungen VII,48 · IX,30 · als Übung beschrieben bei Pierre Hadot

  • Die Dinge sehen, wie sie sind: Vorgänge der Natur — entkleidet von Bewertung und Dramatik.

    • Eine Sache nüchtern definieren: Was ist das — woraus, wie lange, wohin?
    • Auch das eigene Leben als Naturvorgang sehen: entstehen, wandeln, vergehen
    • Die Bewertung fallen lassen — die Sache bleibt

    Quellen: physikē theōria (Naturbetrachtung): Marc Aurel, Selbstbetrachtungen VI,13 (die entlarvende Definition) · X,11 (alles im Übergang) · Pierre Hadot, Die innere Burg

Nervensystem & Alltag

  • Über den Atem das Nervensystem steuern.

    • Box-Breathing: 4 ein · 4 halten · 4 aus · 4 halten
    • 4-7-8 zum Runterkommen vor dem Schlafen
    • Je 3–5 Runden
  • Konzentrative Selbstentspannung — der Körper folgt der inneren Formel.

    • Liegen oder bequem sitzen, Augen zu
    • Formeln innerlich wiederholen: „Der rechte Arm ist ganz schwer“
    • Reihenfolge: Schwere → Wärme → ruhiger Atem → ruhiger Herzschlag
    • Zurücknehmen: Fäuste ballen, tief einatmen, Augen öffnen

    Quellen: Johannes Heinrich Schultz, Das autogene Training (1932)

  • Gedanken aus dem Kopf aufs Papier — Klarheit schaffen.

    • Morgens: 3 Dinge, die anstehen
    • Abends: 3 Dinge, die gut waren
    • Wöchentlich: ehrlicher Rückblick
„Nimm alles das weg, was überflüssig ist, mache das Krumme wieder gerade, reinige das Dunkle und laß es hell werden.“
Plotin · Enneaden I 6,9 (Übers. H. F. Müller)

Gebaut aus Neugier — mit Liebe zum Detail.

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